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Rote und Blaue Mauritius

Der vergessliche Uhrmacher und das Millionending der Lady Gomm

Es ist schon erstaunlich, wie ein zerstreuter Uhrmacher an der Erschaffung der wohl populärsten und auch sicherlich Nicht-Philatelisten bekannten Briefmarken einer britischen Kronkolonie im indischen Ozean beteiligt war. Die Rede ist hier von der Blauen Mauritius, und deren kleine Schwester, der nicht ganz so bekannten, aber nicht minder raren Roten Mauritius.

Lady Gomm: eine „Paris Hilton“ der britischen Kolonialzeit?

Zeitgenössische Darstellung des Kostümballs der Lady Gomm

Zeitgenössische Darstellung des Kostümballs der Lady Gomm

Lady Gomm, die Gattin des Gouverneurs der britischen Kronkolonie Mauritius, Sir W. Maynhard Gomm, Generalleutnant der britischen Krone, war das It-Girl ihrer Zeit.

Die umtriebige Lady Gomm liebte Partys, und sie hielt alljährlich den berühmten Ball im Gouverneurspalast ab, der auf der kleinen Insel Mauritius, einer vergleichsweise unbedeutenden Kolonie eine echte Sensation war, von der man bis St. Louis redete und die sogar in der „Times“ erwähnt wurde. Abgesehen von diesem gesellschaftlichen Ereignis war nicht viel los auf Mauritius, und so blieb man halt mit einer „Kolonialdisco“ in aller Munde, gar nicht so viel anders als heute...

Auch Lady Gomm wollte „up to date“ sein, so wie die Halbprominenz von heute jedem Trend nachjagt, um so ihren gesellschaftlichen Rang darzustellen. Seit geraumer Zeit erreichten die Insel Briefe mit ganz drolligen, bunten Aufklebern, welche die damals blutjunge britische Königin darstellten. Auch der werte Gatte, der gute Maynhard, bekam Post mit diesen neuartigen Zettelchen. Das musste Lady Gomm auch haben!

Briefmarken für die britische Kronkolonie Mauritus!

Unbestimmten Überlieferungen zufolge hatte es Lady Gomm unerwartet leicht, ihren Maynhard zu überzeugen, solche Briefbildchen herzustellen, vermutlich streichelte die Vorstellung solcher Bildchen auch das Ego des Generalleutnants der britischen Krone, und so ging es Schlag auf Schlag:



Sir Gomm auf einem Block der Insel Mauritius

Sir Gomm auf einem Block der Insel Mauritius

Erschwerte Bedingungen: der zerstreute Graveur

Kurzfristig wurde der alte Juwelier, Graveur, Feinblechner, Werkzeugmacher (und weiß der Geier sonst noch was) des Ortes, Julius Bernard, in den Gouverneurspalast gerufen und mit der Gravur der Druckplatten beauftragt. Sicher, der Mann war schon etwas älter, konnte nur noch schlecht sehen, war schwerhörig und vergesslich, aber es gab niemanden auf der Insel, der in der Lage gewesen wäre, eine solche Auftragsarbeit auszuführen, und somit und mit viel Gottvertrauen erhielt er den Auftrag zur Herstellung der ersten Briefmarken Mauritius.

Is not a bug, is a feature!

Nun ja, wie vielleicht zu erwarten war, ließ das Malheur nicht lange auf sich warten. Just beim Beginn der Gravur der Druckplatten erinnerte Sich der reichlich zerstreute Uhrmacher daran, dass er sich nicht erinnern konnte, und zwar wie der Wortlaut der Markeninschriften war, und er dies eigentlicht schon vor einigen Tagen hatte klären wollen. Also machte er sich fix auf den Weg zu seinem Auftraggeber, um nochmal nachzufragen. Unterwegs erblickte er über dem Eingang des örtlichen Postamtes von Mauritius das Schild „POST OFFICE“ und glaubte nun seiner trügerischen Erinnerung, dass dies der geforderte Text auf den seitlichen Markenbändern gewesen sei. War er ja auch: fast... “POST PAID" wäre komplett richtig gewesen. Auch soll die Gravur der Herkunftsbezeichnung „Mauritius“ ebenfalls in innovativer Eigeninitiative entstanden sein. Vermutlich war es aber nicht weiter schlimm, heute würden man diesen Fehler als „Aufwertung“ verkaufen, und es ist davon auszugehen, dass der lebenserfahrene alte Fuchs seinem Chef, dem Generalleutnant Gomm, diesen genau so untergejubelt hat.

Überliefert ist allerdings, dass vor lauter Freude und Aufregung niemand den Fehler bemerkte. Sir Gomm sowiso nicht, weil seine werte Gattin sich um die Angelegenheit inklusive der persönlichen Überwachung des Aufklebens der Briefmarken auf die Einladungen zum Kostümball kümmerte. Alle anderen waren zu beeindruckt von der Modernität der Herrschaften Gomm, dass kein Zweifel an der Richtigkeit der Markeninschriften aufkam und der Rest konnte nicht lesen.

Von den beiden Marken, der Roten Mauritius, das ist der 1-Penny Wert, und der Blauen Mauritius, der 2-Pence-Marke, wurden jeweils 500 Stück gedruckt. Dies hört sich sicherlich nicht viel an, aber für die kleine Insel Mauritius ohne nennenswerte briefeschreibende Bevölkerung wären insgesamt 1000 Marken ein Vorrat für die nächsten Jahre gewesen, so dachte man, wenn die Einladungen nicht gewesen wären.

Leider ist von den Einladungen zum Ball „Lady W. Maynhard und der Gouverneur von Mauritius geben sich die Ehre...“ keine erhalten geblieben, jedenfalls ist keine bekannt, beziehungsweise ist keine Person bekannt, welcher eine noch existierende Einladung bekannt ist, das heißt also, dass es gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass noch irgendwo eine Originaleinladung 'rumliegt...



Blaue Mauritius und Rote Mauritius nebeneinander

Blaue Mauritius und Rote Mauritius nebeneinander

Die Mauritius-Marken, welche nicht für die Einladungen verbraucht wurden, wanderten auf Geschäftsbriefen mit dem nächsten Schiff nach Europa.

Die Fakten zur Herstellung der Blauen Mauritius und der Roten Mauritius

  • der Kostenvoranschlag wurde von Joseph Osmond Bernard am 11. November 1846 erstellt. Anderen Quellen zufolge soll dies am Donnerstag, dem 12. November geschehen sein. Die älteren Quellen benennen den Mittwoch, auch wenn auf dem im Original erhaltenen Dokument, welches sich in der Sammlung des „British Library“ befindet, der 12. verzeichnet ist. Wie wir ja erfahren haben, war der gute Bernard aber schon etwas tatterig.

  • Preis für die Gravur der Druckplatten und den Druck: 53 Pfund 80 Shilling, auch für damalige Verhältnisse und für diese Arbeit (r)echt wenig.

  • von beiden Marken wurden jeweils 500 Stück hergestellt, aber nicht, wie man erwarten sollte, im Bogen, sondern einzeln, das heißt, pro Druck entstand ein „Block“ mit jeweils einem Exemplar des 1 und 2 Pence-Wertes bei der ersten Serie. Bernard bediente sich der gleichen Technik wie zur Herstellung seiner Visitenkarten-er war auch der örtliche Visitenkartendrucker der Prominenz

  • am 20. September 1847 wurde die erste Serie gedruckt.

  • am 21. September 1847 verschickt Lady Gomm die Einladung mit den Marken

  • Verkaufsstart für die Öffentlichkeit: 22. September 1847

  • die zweite Serie zeigt die richtigen Inschriften „POST PAID" statt „POST OFFICE", die Briefmarken wurden 1848 gedruckt. Weiterhin gibt es von der zweiten Serie einen seltenen Plattenfehler, der durch Abnutzung der Kupferplatten entstanden ist.

  • die Marken der zweiten Serie wurden in Kleinbogen zu 3 x 4 Marken gedruckt.

  • das Markenbild zeigt die damals junge britische Königin Victoria.

  • die rote Ein-Penny-Marke war für die Freimachung lokaler Briefe der Mauritius-Hauptstadt Port Louis vorgesehen, die blaue Zwei-Pence-Marke für den Briefverkehr mit der benachbarten Insel Rodrigues.
Sir Gomm, zeitgenössische Darstellung

Sir Gomm, zeitgenössische Darstellung

In Vorbereitung: Teil 2-Aufsteigender Ruhm-die Marken und ihre Besitzer

Bilder: Wikipedia