Die zweithäufigste Frage, welche Philatelisten von ihren nicht sammelnden Freunden und Bekannten zu hören bekommen ist: „welche Briefmarken sind nun mehr wert, gestempelte oder ungestempelte?“. Diese Frage lässt sich sicher und einfach beantworten, und zwar gar nicht.
Nur der Vollständigkeit halber: die häufigste Frage ist die nach der „Blauen Mauritius“.

Gestempelt oder nicht gestempelt?

Jeder Sammler weiß, dass der Wert einer Briefmarke nicht generell davon abhängt, ob die Marke gestempelt oder nicht gestempelt ist. Also im Philatelisten-deutsch gesagt, gebraucht, ungebraucht oder postfrisch ist. Prinzipiell ist der Preis einer Briefmarke bestimmt durch die Katalog-Notierung, sowie das Angebot und die Nachfrage. So sind bestimmte Ausgaben gestempelt seltener und somit auch oft teurer als ungebrauchte Marken derselben Ausgabe und umgekehrt. Die Notierungen z.B. im MICHEL-Katalog geben dazu viel Information.

Einige Beispiele für Wertunteschiede zwischen gestempelten und nicht gestempelten Briefmarken

Ausgaben der deutschen Inflation, ca. 1916-1923:

Hier bekommt man postfrische Briefmarken in bester Erhaltung für wenige Cent. Zumindest wenn man sich etwas Mühe bei der Auswahl seiner Briefmarkenhändler macht. So kann man eine komplette Sammlung der Briefmarken der deutschen Hochinflation in einwandfreier postfrischer Erhaltung für weniger als 100 € bekommen. Sauber gestempelt kostet eine komplette Sammlung ein Vielfaches. Dies ist der Normalfall, wenn man wert auf echte und natürlich stempelgeprüfte Marken legt.

Die gestempelten Marken sind bei diesem Sammelgebiet deshalb so teuer, weil in diesen Zeiten aufgrund der rasenden Inflation und der damit einhergehenden fortlaufenden Geldentwertung immer neue Marken mit höherer Nominale gedruckt oder überdruckt werden mussten. Es blieb nur sehr wenig Zeit die Marken zu verwenden und daraus ergibt sich ihre Seltenheit. Umgekehrt gab es Unmengen nicht verwendeter Inflationsmarken. Daher sind postfrische Briefmarken aus der Zeit der deutschen Hochinflation recht günstig zu bekommen.

2 Million Mark Briefmarken
Inflationsmarken für 2 Millionen Mark

Bergedorf, Altdeutschland 1861:

Auch hier ist es so, dass man die fünf Werte der Bergedorf-Briefmarken recht günstig bekommen kann. Gebraucht und sauber gestempelt sind die Marken von Bergedorf ein kleines Vermögen wert. Auch dies liegt daran, dass die Marken nur kurze Zeit verwendet wurden. Dazu kommt, dass das Gültigkeitsgebiet für die Freimarken Bergedorfs relativ klein war und diese dementsprechend wenig Publikum zur Verwendung hatten. Ähnliches gilt auch für die Briefmarken anderer Sammelgebiete Altdeutschlands. Dazu zählen zum Beispiel Mecklenburg-Strelitz, Bremen, Holstein und Einzelausgaben anderer deutscher Staaten.

Bergedorf Ausgaben von 1861
Gestempelte Bergedorf Ausgaben von 1861

…es geht auch umgekehrt:

Baden, Altdeutschland 1851

Die ungebrauchten Briefmarken des deutschen Staates Baden sind ungleich seltener, als die gebrauchten Briefmarken der gleichen Ausgabe von 1861, auch kosten diese ein Vielfaches. Dies ist bei klassischen Briefmarkenausgaben sehr oft der Fall. Das liegt daran, dass von den damaligen Postanstalten nach Ablauf der Gültigkeit der Freimarken die Restbestände vernichtet wurden. Das Beispiel gilt exemplarisch für viele Ausgaben klassischer Briefmarken Deutschlands, Europa und der Welt.

Baden Ausgaben von 1851
Ungebrauchte Baden Ausgaben von 1851

Unterscheidungen bezüglich des Nominalwerts

Je höher der Nennwert ist, desto seltener ist in der Regel die Verwendung der entsprechenden Briefmarke. Wenn man die Kataloge durchblättert, kann man diese Tatsache leicht beobachten.

Beispiele: Die Markwerte der Schiffsausgaben der deutschen Kolonien. Der 5-Mark-Wert der Ausgabe des 1. Kontrollrats nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Der 12 Kreuzer-Wert der Landpost-Portomarken von Baden… Beispiele gibt es hier viele, aber immer bedenken: Ausnahmen bestätigen die Regel!

Umgekehrt: Bei Briefmarken mit gängiger, kleiner Nominale es ist wie mit den 70 Cent Briefmarken von heute. Diese werden für die am meisten laufende Versandform (den normalen Standardbrief in Deutschland) gebraucht und dementsprechend oft verwendet. Täglich werden mehr als 60 Millionen Briefe dieser Art von der Deutschen Post zugestellt. Briefmarken mit gängiger Nominale sind also recht häufig und weniger selten, zumindest im Vergleich zu ihren postfrischen Kollegen. Auch hier lohnt sich der Blick in den Katalog. Wenn auch nur um Bestätigung dieser Tatsache zu finden.

Also was schließen wir daraus?

Nun kann man sich sicherlich gut vorstellen, dass wenn ungebrauchte Briefmarken für „Pfennige“ zu haben sind, die gestempelten Marken der gleichen Ausgabe oft ein Vielfaches mehr kosten. Viele windige Zeitgenossen sind auf die Idee gekommen, die Briefmarken einfach nachzustempeln. Leider ist genau dies ein gängiges Problem bei vielen Briefmarkenausgaben. Selbst dann, wenn sie gestempelt nur wenig mehr wert sind als ihre postfrischen Katalognummern-Brüder. Deshalb ist eine aktuelle Prüfung von einem anerkannten Prüfer, wie z.B. „Bund Philatelistischer Prüfer – BPP“ oft ratsam. Vor allem bei bestimmten Marken die von der Abstempelung her fälschungsgefährdet sind, da ungeprüfte gestempelte Marken verschiedener Ausgaben oftmals fast „unverkäuflich“ sind.

Den Wert von Briefmarken selbst evaluieren:

Bevor man eine Briefmarke zum Verbandsprüfer schickt, kann man aber auch selbst sein Sammlerstück evaluieren:

  1. Nehmen Sie sich einen Katalog zur Hand (Michel, Philex, DNK…). Schauen Sie nach, wann die betreffende Marke herausgegeben wurde und wie lange sie postgültig war. Vergleichen Sie diesen Zeitraum mit dem Datum des Stempels. Ist das Stempeldatum nicht erkennbar, machen Sie sich nicht allzu viele Hoffnungen…
  2. Nehmen Sie die Briefmarke mit einer Pinzette hoch und halten Sie sie mit der Rückseite schräg gegen eine Lichtquelle, damit Sie das vom Stempelabschlag herrührende Relief des Poststempels erkennen können. Auch bei sehr „zärtlich“ abgeschlagenen Stempeln können Sie einen solchen Durchdruck erkennen, es sei denn es handelt sich hierbei unüblicher Weise nicht um einen Stahlstempel. Ist ein solches Relief überhaupt nicht zu erkennen, ist Vorsicht anzuraten.
  3. Nun brauchen Sie eine gute Lupe und gestempelte Vergleichsstücke der Marke, von der/denen Sie wissen, dass sie echt ist/sind. Inspizieren Sie beide Marken unvoreingenommen gegeneinander und lassen Sie im ersten Augenblick beide Stempelbilder auf sich wirken, lassen Sie sich Zeit und wiederholen Sie dies. Stellen Sie Unterschiede fest, auch wenn Sie diese nicht genau definieren können, muss genauer geprüft werden.
  4. Sammeln Sie so oft es geht Erfahrungen durch oben aufgeführte Handlungsschritte und dokumentieren Sie diese. Ratsam ist es, sich ein eigenes Album mit Vergleichsstücken anzulegen, besonders von Bundesprüfern auf „falsch“ geprüfte Stücke. Sie werden es sich danken!

Fazit der selbstständigen Evaluierung

Die zuvor genannten Schritte können auf gar keinen Fall die Prüfung durch einen anerkannten Verbandsprüfer ersetzten und sollen es auch nicht. Sie können sich aber Geld und dem Prüfer Zeit sparen, wenn Sie im Vorfeld selbst entlarvte Stempelfälschungen nicht noch zusätzlich zur Prüfung einschicken. Denken Sie aber daran, dass das letzte Wort immer der Prüfer haben sollte, also urteilen Sie bitte nicht vorschnell. Offensichtliche Stempelfälschungen sind zum Beispiel alte Marken mit neuen Stempeln, oder Marken, bei der mit einem Computer-Drucker aufgebrachte Stempelbilder durch ihr grobes Erscheinungsbild erkennbar sind sowie Fantasiestempel und ähnliches.

5 KOMMENTARE

  1. […] Der hohe finanzielle Wert der beiden Züricher Kantonalmarken ergibt sich -wie bei den meisten wertvollen bzw. teuren Briefmarken- aus deren Seltenheit und Beliebtheit. Spezialisten unterscheiden bei den Marken solche mit waagerechten und solche mit senkrechtem Unterdruck, weiter lassen sich fünf verschiedene Typen unterscheiden. Hinzu kommen die Plattenfehler und seltene Stempel. […]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte Ihren Kommentar eingeben!
Please enter your name here