Briefmarken sind faszinierende aber auch empfindliche kleine Objekte aus Papier, die durch Umwelteinflüsse, schlechte Aufbewahrung oder unvorsichtige Behandlung leicht Schäden erleiden. Und wie bei allen Sammlerstücken ist eine der ersten Fragen stets: Wie sieht es mit der Qualität aus?

Die Qual der Wahl

Oft hört man im Zusammenhang mit Briefmarken die Begriffe „Erste Wahl“ (I. Wahl) und „Zweite Wahl“ (II. Wahl). Das legt nahe, man könne einfach alles in 2 Klassen einteilen, sozusagen „ganz“ und „kaputt“. So einfach ist es aber tatsächlich nicht. Briefmarken kommen nämlich sozusagen „stufenlos“ in jeder nur denkbaren Qualität vor. Deren ganze Spanne reicht von erstklassig bis miserabel und hat ganz verschiedene Handelspreise zur Folge.

Schaut man in die gängigen Nachschlagewerke, z.B. den Michel-Katalog, findet man jedoch nur jeweils eine Preisnotierung pro Erhaltung (★★, ★, ). Was wird hier also bewertet?

I. Wahl

Die Katalogwerte gelten immer für handelsüblich gut erhaltene Stücke. Diese sind dann im Sinne der Katalogbewertung vollwertig und werden vom kundigen Philatelisten als „I. Wahl“ angesehen und im gängigen Sprachgebrauch des Handels auch oft als Pracht-Erhaltung bezeichnet. An vielen Stellen gibt der Michelkatalog Hinweise auf besondere Faktoren, die bei der Bewertung zu berücksichtigen sind. So sind z.B. bei manchen altdeutschen Ausgaben auch Stücke mit nicht ganz vollrandigem Schnitt

Vollwertige Stücke von Baden und Thurn & Taxis in gutem bis sehr gutem Markenschnitt.

dennoch vollwertig, während bei anderen breite Ränder verlangt werden.

Bei den Ausgaben von Bayern oder Braunschweig wird für vollwertige Stücke ein allseitig voller und deutlich sichtbarer Markenrand vorausgesetzt.

Dasselbe trifft sinngemäß auch für gezähnte Marken zu. Bei modernen Ausgaben wird eine regelmäßige und tadellose

Moderne Marke – tadellose Zähnung ist hier Standard.

Zähnung voraussetzt, während bei älteren Marken sich kleinere Zähnungsunregelmäßigkeiten

Alt-Baden: zwei vollwertige Stücke in guter Zähnung

und teils sogar echte Zahnfehler nicht wertmindernd auswirken. Insgesamt kann man sagen: Je älter ein Stück ist, desto mehr werden kleine Unebenheiten als normal und zeitgegeben akzeptiert. Das gilt sinngemäß z.B. auch für kleine Papierknitter bei gestempelten oder geringe Fingerspuren bei ungebrauchten Marken.

Erhaltung der Briefmarken nach Michel-Katalog

Der Michel-Katalog gibt in seiner Einführung unter der Überschrift „Erhaltung der Marken“ eine sehr schöne Zusammenfassung zur Qualitäts-Problematik:

Bei der Beurteilung der Qualität wird der einsichtsvolle Philatelist immer von dem Zustand der Marke bei der Ausgabe ausgehen und die Eigenarten ihrer Grundstoffe (Papier, Farben, Gummierung), der Herstellung, ihre Widerstandsmöglichkeiten gegen äußere Einflüsse und die übliche Behandlung im Postverkehr (Zähnung, Abstempelung usw.) berücksichtigen; der Qualitätsanspruch ist diesen Voraussetzungen unterzuordnen. Man kann z.B. von geschnittenen Marken, die nahezu ohne Ränder oder mit sehr kleinen Zwischenräumen hergestellt wurden, keine vollrandigen Stücke, bei reißschlechten Papiersorten keine vollständigen Durchstiche oder Zähnungen verlangen.

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass man von dieser Prämisse alle Schlussfolgerungen für einzelne Markenausgaben ableiten kann.

Bei der Beurteilung moderner Ausgaben der letzten 50-60 Jahre ist weit weniger Detailwissen notwendig. Diese stehen im Zeichen moderner industrieller Herstellungsverfahren, hochwertigster Spezialpapiere und nicht zuletzt erstklassiger Unterbringungsmöglichkeiten, wie sie früher einfach nicht zur Verfügung standen. Dementsprechend kann hier ein hoher Qualitätsstandard als „normal“ vorausgesetzt werden.

Für Stücke früherer Zeitperioden, die sich heute noch in einem solchen perfekten Zustand befinden, gilt jedoch: Hier handelt es sich um Ausnahmequalitäten, die im gängigen Sprachgebrauch des Handels auch oft als „Kabinett- oder „Luxuserhaltung“ bezeichnet werden. Deren korrekte Bewertung erfordert Aufschläge auf die Katalogbewertung. Diese können je nach Ausgabe vom kleinen 10 % Bonus bis zu einem Vielfachen des Katalogpreises reichen.

II. Wahl

Erfüllt ein Sammelstück die Qualitätsanforderungen für die Katalogbewertung nicht mehr, spricht man von „II. Wahl“. Die ist ein Sammelbegriff, der ein äußerst breites Spektrum von Qualitätsstufen umfasst. Dies beginnt bei Stücken mit ganz unauffälligen und nahezu belanglosen Beeinträchtigungen, die im Handel oft als „fein“ oder „feinst“ bezeichnet werden. Marken mit deutlichen und stärkeren Fehlern werden oft unter der Bezeichnung „kleine Mängel“ oder „Mängel“ angeboten. Bis hin zu extrem mangelhaften Stücken. Solche Wracks bezeichnet der Philatelist als „Knochen“ oder „Lückenfüller“.

Was billige Werte und moderne Ausgaben angeht, sollte man beim Sammeln keine Qualitätskompromisse machen. Ältere und teure Stücke sind sicher auch in II. Wahl absolut sammelwürdig. Bei fairer Preisgestaltung mit entsprechendem, der Qualität angemessenen Preisabschlag kann man ein schönes Stück mit kleinen Unebenheiten durchaus in die Sammlung aufnehmen.

I. Wahl = Qualität entspricht den Anforderungen für die Michelnotierung, d.h. sie ist im Sinne der Michelbewertung vollwertig.

II. Wahl = Qualität entspricht nicht den Anforderungen für die Michelnotierung, d.h. sie ist im Sinne der Michelbewertung nicht vollwertig. Je nach Stärke des Mangels sind kleine oder auch große Preisabschläge zu machen.

Mögliche Fehler und Beschädigungen an Briefmarken:

Zähnung:
Verkürzte Zahnspitzen bis ganz fehlende Zähne

Schnitt:
Im Schnitt berührtes bis teilweise abgeschnittenes Markenbild

Durchstich:
Teilweise beschnittener oder fehlerhafter Durchstich, z.B. Scharten oder ausgerissene Stellen

Gummi:
Verlaufener Gummi, Haftstellen, Gummireparaturen

Papier:
Bug, dünne Stelle, Schürfung, Aufrauhung, Nadelstich, Loch, Riss

Flecken:
Verfärbung, Stockflecken, Schmutz, Oxydation

Falz:
Ein sauberer Falz oder Falzrest wird bei Marken vor 1955 nicht als Fehler betrachtet, sondern als eigene Erhaltungsstufe

Ohne Gummi:
Das Gleiche gilt für Marken ohne Gummierung vor 1880.

Falz entfernt:
Entspricht der Erhaltungsstufe „mit Falz“, egal wie „postfrisch“ die Marke wirkt.

Neugummi:
Eine Nachgummierung entspricht der Erhaltung „ohne Gummi“, wenn nicht zusätzlich noch Reparaturen vorgenommen wurden.

Reparatur:
Ein repariertes Stück ist in etwa dem Erhaltungsgrad zuzuordnen, den es vor der Restaurierung hatte. „Repariert“ ist nicht gleich „repariert“. Zwischen einer verlängerten Zahnspitze und einer Vollhinterlegung mit ergänzten Markenteilen liegen wertmäßig Welten.

Erhaltungszustände

★★ = Postfrisch, d.h. im Originalzustand wie von der Post verausgabt mit unverletzter und unveränderter Originalgummierung.

★ = ungebraucht mit Falz, d.h. mit originaler Gummierung und anhängendem Falz oder mit Falzresten. Klemmtaschen gibt es erst seit den 1960er Jahren. Davor wurde fast alles angefalzt.

(★) = ohne Gummi, d.h. die Gummierung wurde abgewaschen, was bei Marken vor 1900 sehr häufig vorkommt. Manchmal auch um die Stücke vor Zersetzung durch säurehaltiges Gummi zu schützen, wie beim OSTROPA-Block des Deutschen Reiches. Manche Ausgaben wurden auch postseitig ohne Gummierung verkauft (siehe z.B. Altdeutschland – Lübeck). In diesen Fällen entspricht (★) der postfrischen Erhaltung. Auch Probedrucke weisen oft noch keine Gummierung auf.

= gebraucht. Vorschriftsmäßig gebrauchte Marken weisen in der Regel eine Entwertung auf. Diese kann erfolgt sein durch:
– Poststempel in verschiedenen Formen, je nach Zeitraum und Ort der Verwendung. Ab etwa 1870 fast nur noch Ortsstempel und ab etwa 1920 vorwiegend runde Stempelformen.
– handschriftliche Entwertung durch Tintenstriche oder einen Schriftzug mit Ort und Datum. Manchmal aber auch nur Linien oder ein Federkreuz.

Die Serie „Qualität von Briefmarken“ erscheint in mehreren Artikeln. Im nächsten Beitrag durchleuchten wir dem Thema „Zähnung“.
2ter Teil: Zähnungscharakteristika verschiedener Zeitperioden

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