Ungebraucht oder gestempelt?

Ausschlaggebend für den Wert und die Bewertung von philatelistischem Material ist die Erhaltung und Qualität.

Zu diesem Thema existieren viele unterschiedliche und teilweise kontroverse Ansichten, welche oft „verkaufsfördernd geformt“ sind. Besonders in Bezug auf ungebrauchte Marken mit Falz gibt es oftmals Unsicherheiten. So kursiert insbesondere bei verschiedenen Online-Plattformen und manchen dubiosen Händlern der Begriff „postfrisch mit Falz“ oder „ungestempelt“. Diese Begrifflichkeit ist schlichtweg falsch und meist absichtlich irreführend gelistet. Eine Briefmarke ist entweder „postfrisch“ oder hat einen Falz. Die Bezeichnung „postfrisch mit Falz“ ist genauso absurd wie „Käse ohne Milch“. Auch bei der Formulierung „gestempelt ohne Obligo“ ist Vorsicht geboten.

Gestempelt und Ungebraucht

Grundsätzlich gibt es zwei Erhaltungen bei Briefmarken: gestempelt und ungebraucht. Gestempelte Marken sind entwertet, also mit Stempel, Federzug oder Lochung versehen. Ungebrauchte Briefmarken sind noch nicht „benutzt“ worden und tragen folglich keinen Poststempel oder ein anderes Entwertungsmerkmal und sind in der Regel postfrisch oder mit Falz.

Wichtig zu beachten im Folgenden

Der Erhaltungsgrad einer Briefmarke muss immer im Kontext zur Zeit betrachtet werden. So kann eine Briefmarke aus dem 19 Jahrhundert selbst mit gebrochenem Gummi immer noch „postfrisch“ sein. Dieser Aspekt ist von Briefmarke zu Briefmarke unterschiedlich zu beurteilen. Auch wurde der Gummi früher manchmal mit der Hand aufgetragen und so können selbst Briefmarken mit Gummi-Flecken oder gummifreien Stellen postfrisch sein.

Die Erhaltung ungebrauchter Briefmarken kann man prinzipiell in drei Stufen einteilen:

Postfrisch:

  • ohne jeden Makel
  • unbeschädigt
  • mit vorhandenem Originalgummi

Das Zeichen für postfrische Briefmarken bilden zwei Sterne „**“. Von der Post bereits ohne Gummi herausgegebene Briefmarken, können ebenfalls als „postfrisch“ bezeichnet werden.

Eine Postfrische Altdeutschland Briefmarke-Marke
Briefmarke aus Altdeutschland mit leichten Brüchen im Gummi und trotzdem Postfrisch.

Mit Falz:

  • beschädigt
  • meist mit Falzresten oder Falzspuren
  • anderen Beschädigungen der Gummierung

Die Bezeichnung „ungebraucht mit Falz“ ist auch gebräuchlich und legitim für Briefmarken, welche nicht ganz die Anforderungen für die Bezeichnung „postfrisch“ erfüllen. Das Zeichen in den Katalogen hierfür ist ein Stern „*“.

Schwarzer Einser Rückseite mit Zeiterechtem Gummi
Rückeseite eines Schwarzen Einsers. Mit einem zeitgerechten Gummi.

Ohne Gummi:

  • unbenutzte Briefmarken
  • ohne Gummi oder sehr geringem Teilgummi

Diese Erhaltung ist bei „klassischen“ Briefmarken und Briefmarkenausgaben vor etwa 1870 öfter anzutreffen. Solche klassischen Poswertzeichen sind sehr wohl sammelwürdig! Die modernen Briefmarken „ohne Gummi“ sind schlichtweg nicht akzeptabel. Selbst Briefmarken mit Falz werden bei den Briefmarkenausgaben der letzten fünf Jahrzehnte-von wenigen Ausnahmen abgesehen- von den meisten Philatelisten abgelehnt. Die Marken ohne Gummi tragen in der Literatur das Zeichen eines Sterns umrandet von einer Klammer „(*)“.

Rückseite einer Würtemberg/Altdeutschland Briefmarke ohne Gummi
Rückseite einer Württemberg/Altdeutschland Briefmarke ohne Gummi. Jene wurde auch ohne Gummi herausgegeben.

Postfrisch, ungebraucht mit Gummi, Briefmarken ohne Gummi – was ist wann akzeptabel?

Welche Erhaltung bei welcher Briefmarke nun akzeptabel ist, lässt sich prinzipiell nicht pauschal beantworten. Dies ist immer von der Seltenheit, Beliebtheit der Marke und anderen Umständen abhängig. Generell kann man aber feststellen, dass je älter und/oder seltener eine Briefmarke ist, desto mehr werden schon einmal Abstriche in Kauf genommen. Beispiele:

Briefmarken der Deutschen Staaten, Altdeutschland:

Hier ist die standardmäßige Erhaltung „ungebraucht mit Falz“ bis „ungebraucht ohne Gummi“. Diese Erhaltung ist bei diesen Marken absolut aktzeptabel. Meist auch die Normalform. Wirklich echte postfrische Briefmarken aus dieser Zeit findet man sehr selten. Wobei es auch hier noch Ausnahmen gibt, wie z.B. die letzten Ausgaben von Bayern oder Württemberg. Wenn dies so ist, sollte man bei wirklich teuren Stücken auf eine Prüfung bestehen, da viele „postfrische“ Marken nachgummiert sind.

Briefmarken aus der Zeit des Deutschen Kaiserreich, etwa 1870-1918: 

Hier ist oft der normale Erhaltungszustand „ungebraucht mit Falz“, da so gut wie alle Briefmarkensammler dieser Zeit die Marken mit „Klebefälzchen“ auf Papierseiten befestigt hatten. Für die preisliche Bewertung in den Katalogen bei den Marken dieser Zeit ist „ungebraucht mit Falz“ die Standard-Erhaltung. Also Briefmarken mit Falz oder Falzresten und Teilgummi. Postfrische Marken aus der Kaiserzeit werden meist höher bewertet.

Briefmarken aus der Zeit der Weimarer Republik, ca. 1918-1932

Hier „mischen“ sich schon die Formen der akzeptablen Erhaltungen bei ungebrauchten Briefmarken. Bei Briefmarken mit geringerem Wert werden oft nur postfrische Marken bevorzugt. Bei Marken mit höherem Wert nehmen Briefmarkensammler auch schon einmal Briefmarken mit Falz oder Falzspuren bzw. Falzresten in Kauf. Ungebrauchte Marken ohne Gummi werden hier schon meist nicht mehr akzeptiert.
Das Gleiche gilt für die Briefmarkenausgaben aus der Zeit des „Dritten Reich“, ca. 1932-1945.

Freimarkenausgaben aus der Nachkriegszeit:

Bei den recht seltenen Lokalausgaben von 1945 ist es anders. Denn mit den einhergehenden Schwierigkeiten bei der Produktion durch mangelhaftes Material, beschädigte Druckmaschinen und andere, verändert sich die Sicht auf diese. Deshalb sind Philatelisten schon einmal eher bereit, hinsichtlich der Erhaltung besondere Maßstäbe anzusetzten. Das heißt, Gummibüge, leichte produktionsbedingte Gummi- und Papierfehler sind bei den Marken oft nicht wertmindernd.

Bei den Briefmarken der Alliierten Besetzung,

Ab ca. 1945 ist die gängigste von den Philatelisten akzeptierte Erhaltung bei unverwendeten Briefmarken „postfrisch“. Nur bei den selteneren Stücken sind die Sammler bereit Abstriche in Bezug auf Falzmarken zu machen. In den gängigen Briefmarkenkatalogen werden oft Bewertungen sowohl für postfrische Marken, als auch für ungebrauchte Marken mit Falz angegeben.

Briefmarken aus der Zeit Bund, Berlin, DDR:

Standard-Erhaltungen bei Briefmarken aus dieser Zeit sind „postfrisch“. Hierbei werden Briefmarken mit Falz werden kaum und Marken ohne Gummi generell nicht aktzeptiert. Briefmarken aus dieser Zeit und von diesen Sammelgebieten, welche nicht postfrisch sind, dürfen fast schon als unverkäuflich bezeichnet werden. Bei den teuren Ausgaben von Berlin oder dem Posthorn-Satz der BRD sieht das anders aus. Hier weicht so mancher Sammler auch auf Marken „mit Falz“ aus, weil diese einfach günstiger sind.

Kurzes Fazit:

All dies oben gesagte gilt analog zu den Briefmarkenausgaben anderer Sammelgebiete. Selbstverständlich bestätigen Ausnahmen die Regel.
Am Besten ist es immer die Fachliteratur, wie z.B. Kataloge und Handbücher zu Rate ziehen. Suchen Sie ebenfalls den Kontakt zu anderen Sammlern (Briefmarkenvereine) und stellen Sie Ihre Fragen in Foren oder Social-Media-Gruppen.

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte Ihren Kommentar eingeben!
Please enter your name here