Anforderungen für I. Wahl bei Marken verschiedener Zeitperioden

Geschnittene Ausgaben

Die ersten Briefmarkenausgaben ab 1849 waren ausnahmslos ungezähnt, d.h. sie wurden vom Postbeamten mit der Schere aus dem Bogen getrennt.

Geschnittene Marke

Im Fokus stand dabei die kleinformatigen „Quittungen“ gut genug zu trennen, dass sie als solche erkennbar waren und ihren Dienst erfüllen konnten. An künftige Sammler, die auf saubere Markenränder und unbeschädigte Markenbilder Wert legen könnten, dachte dabei niemand.

Erschwert wurde dieser Vorgang noch durch die oft geringen Abstände der Marken im Bogen. Diese sind bei einigen Ausgaben so gering, dass man von einem „Abstand“ im eigentlichen Sinn kaum noch sprechen kann und die einzelnen Marken praktisch Bild an Bild liegen. Gute Beispiele hierfür bieten die 2. Ausgabe des Königreichs Württemberg oder die Schweizer Strubel-Marken.

Generell wird für die Vollwertigkeit eines Stückes ein guter bis sehr guter Markenschnitt vorausgesetzt.

Dies bedeutet für die meisten klassischen Ausgaben: Sie müssen vollrandig sein, d.h. rundherum zumindest einen schmalen Rand aufweisen, ohne Berührung des Markenbildes. Bei vielen klassischen Ausgaben ist das aber herstellungsbedingt sehr schwierig, teilweise überhaupt nicht möglich. Die Anforderungen an einen „sehr guten“ Markenschnitt müssen hier entsprechend angepasst werden.

Markenabstände von weniger als 1 mm sind typisch für Thurn & Taxis oder Baden. Dazu kommen leicht gegeneinander versetzte Markenklischees. Das macht einen vollrandigen Schnitt nahezu unmöglich.

Meistens wird im Michelkatalog bei den einzelnen Ausgaben auf solche besonderen Kriterien entsprechend hingewiesen. Bei späteren Ausgaben, die gelegentlich ungezähnt vorkommen, ist eine deutliche Vollrandigkeit Bedingung. Hier handelt es sich oft um Abarten, die normalerweise gezähnt sein müssten. Insofern muss sichergestellt sein, dass der Rand breit genug ist, um eine abgeschnittene Zähnung auszuschließen.

 

Durchstochene Ausgaben

Ab etwa 1860 begann man mit alternativen Trennungsmethoden zu experimentieren. Das Ziel war das umständliche Herausschneiden zu umgehen und stattdessen ein einfaches Abreißen der Marken aus den Bogen zu ermöglichen. Es kamen zunächst sogenannte Durchstiche zum Einsatz. D.h. es wurde eine Reihe kleiner Schlitze ins Papier gestanzt. Daran entlang wurde dann gerissen.

Verschiedene Durchsticharten – von links nach rechts: Bogen-Durchstich, Linien-Durchstich, eingefärbter Liniendurchstich

Dies ist eine grobe und relativ primitive Art der Trennung, bei der schon herstellungsbedingt grobe Unregelmäßigkeiten vorprogrammiert sind. Das gilt uneingeschränkt auch für die gelegentlich vorkommenden Durchstiche aus viel späterer Zeit (siehe z.B. Deutsches Reich Inflation oder Feldpost).

Manche Ausgaben erschienen auch gezähnt und durchstochen. Hier z.B. die 50 Milliarden von 1924 link gezähnt, rechts mit sogenanntem Sägezahn-Durchstich.

Voraussetzung für Vollwertigkeit ist auch hier eine gute bis sehr gute Durchschnittsqualität. Herstellungsbedingt sind hier immer Unebenheiten vorhanden. Nur ganz vereinzelt kommen Ausnahmestücke, welche die denkbare Ideallinie zeigen und dann entsprechende Preisaufschläge verdienen.

 

Gezähnte Ausgaben

In den 1860er Jahren wurden dann auch schon die ersten Zähnungsmaschinen entwickelt. Allerdings dauerte es ca. 30 Jahre, bis ein gleichbleibend guter Standard entwickelt war. In der Frühphase waren die Abstimmung der einzelnen Komponenten noch unausgereift.

Frühe „urtümliche“ Zähnungen.

Oft waren die Markenabstände zu gering oder schlecht an die Zähnungsabstände angepasst. Folge war eine mangelhafte Zentrierung der Zähnung, die dadurch oft ins Markenbild hineinging. Das Papier war oft zu spröde oder für die neue Reißtechnik schlecht geeignet. Auch unpassend gewählte Lochgrößen führten zu großen Unregelmäßigkeiten. Zähnungsstifte verbogen sich oder brachen ab und vieles mehr.

Voraussetzung für Vollwertigkeit ist auch hier eine gute bis sehr gute Zähnung. Was das im Einzelnen bedeutet, soll nachfolgend noch etwas genauer umrissen werden. Außerdem sind die Hinweise zu beachten, die der Michelkatalog bei vielen Gebieten oder auch einzelnen Ausgaben mitgibt.

 

Allgemeine Zähnungscharakteristika für die Briefmarken der jeweils angegebenen Zeiträume

Ab 1860
Frühe, noch sehr unvollkommene Zähnungsformen, von Ausgabe zu Ausgabe sehr unterschiedlich. Marken mit kleineren Zahnfehlern sind hier häufig vollwertig. Immer auch auf die Angaben im Michelkatalog achten!

Ab 1870
Frühe, unvollkommene, aber bereits deutlich verbesserte Zähnungen. Mit üblichen leichten Unregelmäßigkeiten und Verkürzungen.

Alte Zähnung nach der „Pionierzeit“

Ab 1880
Alte, etwas unregelmäßige Zähnungen mit beginnenden, besseren Standards. Kleine Verkürzungen und Unregelmäßigkeiten sind üblich.

Bereits hochwertige aber noch unvollkommene Zähnung ab ca. 1880

Ab 1900
Beginnend etwa mit der ersten Germania-Ausgabe zeigt sich ein deutlich besserer Standard in Zähnung und Papier. Ab hier ist eine saubere Zähnung mit nicht zu auffälligen Verkürzungen vorauszusetzen.

Ab 1916
Bedingt durch die Kriegszeit werden die eingesetzten Materialien und Papiere schlechter und unregelmäßiger. Typische Bedarfszähnung mit wieder deutlicheren Verkürzungen ist hier die Regel. Der alte Standard wird erst wieder in der Weimarer Republik erreicht.

Nach dem 1. Weltkrieg – sehr gut gezähnte Stücke

Ab 1924
Der bereits gute Qualitätsstandard der Vorkriegszeit wird wieder erreicht und nur noch gering verbessert. Eine gute Zähnung darf hier nur noch ganz geringe Unregelmäßigkeiten und vereinzelte verkürzte Zahnspitzen aufweisen. An diesem Standard verändert sich im Wesentlichen nichts mehr bis zum Ende der 1950er Jahre.

Relativ moderne Zähnung, Aus den 1950ziger Jahren. Neben der typischen schon sehr akkuraten Ausführung gibt es auch hier Ausgaben mit schlecht ausgeführter Perforation.

Ab 1955
Vollständige, saubere Zähnung ohne irgendwelche Verkürzungen. Diese Qualität, ab dieser Zeit normal, wäre bei einer altdeutschen Marke unter „Luxus“ einzuordnen.

Moderne Zähnung ab ca. 1960. Hier kann man durchweg Perfektion erwarten. Bei den Ausgaben der DDR noch mit leichten Abstrichen.

1939-45
Bei den Besetzungsausgaben des II. Weltkriegs sind die Standards von Gebiet zu Gebiet sehr unterschiedlich. Sie hängen insbesondere davon ab, wo die Marken hergestellt wurden. Stammen sie von der Reichsdruckerei in Berlin, sind sie mit denen des Deutschen Reichs gleichzusetzen. Häufig wurde jedoch in den besetzten Gebieten vor Ort gedruckt oder lokale Marken zum Überdruck verwendet, deren Zähnung im Vergleich mit gleichzeitigen deutschen Ausgaben verhältnismäßig primitiv wirken kann.

Besetzungsausgaben des II. Weltkriegs – Ausnahmen sind hier schon fast die Regel.

1945-48
Die erste Nachkriegszeit war geprägt von lokalen Markenausgaben einzelner Städte oder Regionen und der jeweiligen alliierten Besatzungszonen. Die Lokalausgaben sind teils noch primitiven Charakters mit entsprechenden Unregelmäßigkeiten. Kleine Zähnungsunebenheiten und Zahnverkürzungen sind hier oft Normalität. Die allgemeinen Ausgaben der Besatzungszonen nähern sich wieder dem Standard der frühen Bundesrepublik an, wobei die Ausgaben der Sowjetischen Zone, doch noch deutlich hinterherhinken.

Typische Lokalpost-Marken

Im nächsten Teil unserer Serie „Qualität von Briefmarken“ gehen wir auf die Gummierung und die Papierqualität ein. Bleiben Sie also gespannt!

Falls Sie den ersten Teil verpasst haben, können Sie diesen hier nachlesen:
Teil 1: Qualität & mögliche Fehler

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